Erleuchtung und Erweckung: Zwei Werke des Geistes, die niemand verwechseln sollte: Der Heilige Geist wirkt im Menschen auf zweierlei Weise: Er erleuchtet den Verstand, damit wir die Wahrheit erkennen, und er erweckt das Gewissen, damit wir unsere Sünde fühlen. Beide sind nötig zur Errettung.
In der christlichen Verkündigung werden heute viele Begriffe verwendet, die miteinander verwechselt oder gleichgesetzt werden, obwohl sie unterschiedliche geistliche Wirklichkeiten beschreiben. Zu diesen Begriffen gehören Erleuchtung und Erweckung. Beide sind Werke des Heiligen Geistes am Menschen, beide sind unverzichtbar auf dem Weg zur Errettung, und doch sind sie nicht dasselbe. Wer diese Unterscheidung nicht kennt, wird weder sich selbst noch andere recht verstehen können im geistlichen Kampf.
Erleuchtung betrifft den Verstand des Menschen, Erweckung sein Gewissen. Erleuchtung öffnet die Augen für die Wahrheit Gottes, Erweckung öffnet das Herz für die eigene Verlorenheit. Erleuchtung lässt uns erkennen, wer Gott ist und was er getan hat, Erweckung lässt uns erkennen, wer wir sind und was wir nötig haben. Beide zusammen bereiten den Weg zur rettenden Erkenntnis Jesu Christi.
Die Heilige Schrift unterscheidet klar zwischen diesen beiden Wirkungen des Geistes. Beginnen wir mit der Erleuchtung. Paulus schreibt in seinem Brief an die Epheser ein bemerkenswertes Gebet: „Ich höre nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen. Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist“ (Epheser 1,16-18).
Hier bittet Paulus für bereits gläubige Christen um Erleuchtung. Es geht nicht um ihre Erweckung zur Buße, denn sie sind bereits bekehrt. Es geht um die Erleuchtung ihres Verstandes, damit sie tiefer verstehen, was Gott für sie getan hat, wer Christus ist, und welche Hoffnung sie haben. Erleuchtung ist also das Werk des Heiligen Geistes, durch das der menschliche Verstand befähigt wird, geistliche Wahrheit zu erfassen.
Der natürliche Mensch ist in geistlicher Finsternis gefangen. Paulus sagt deutlich: „Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden“ (1. Korinther 2,14).
Der unerleuchtete Verstand ist blind für die Wahrheit Gottes. Man kann ihm das Evangelium predigen, aber er versteht es nicht. Man kann ihm die Heilige Schrift vorlesen, aber sie bleibt ihm verschlossen. Er hört die Worte, aber er erfasst nicht ihre Bedeutung. Er sieht die Buchstaben, aber er erkennt nicht die Herrlichkeit dahinter. Dies ist nicht eine Frage der Intelligenz oder Bildung, sondern eine Frage der geistlichen Erleuchtung.
Erst wenn der Heilige Geist den Verstand erleuchtet, kann der Mensch die Wahrheit Gottes wirklich erkennen.
Ein eindrückliches Beispiel für diese Erleuchtung finden wir in der Apostelgeschichte. Paulus und Silas kamen nach Philippi und predigten dort am Sabbat zu einer Gruppe von Frauen. „Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde“ (Apostelgeschichte 16,14).
Beachten wir genau, was hier geschah. Lydia hörte die Predigt des Paulus. Sie war bereits eine gottesfürchtige Frau, also religiös interessiert. Aber erst als der Herr ihr das Herz auftat, konnte sie wirklich verstehen und aufnehmen, was gepredigt wurde. Dies ist Erleuchtung. Gott öffnete ihren Verstand, damit sie die Wahrheit über Jesus Christus erfassen konnte. Ohne diese göttliche Erleuchtung wäre die Predigt an ihr vorbeigegangen wie Worte im Wind.
Die Erweckung hingegen ist etwas anderes. Sie richtet sich nicht primär auf den Verstand, sondern auf das Gewissen. Während die Erleuchtung dem Menschen zeigt, wer Gott ist, zeigt die Erweckung dem Menschen, wer er selbst ist. Während die Erleuchtung die Herrlichkeit Gottes offenbart, offenbart die Erweckung die Verlorenheit des Sünders. Die Erweckung ist jenes tiefe, erschütternde Erlebnis, in dem ein Mensch die Schwere seiner Sünde erkennt und die Gefahr seiner ewigen Verdammnis spürt. Es ist ein Aufwachen aus der moralischen und geistlichen Gleichgültigkeit. Es ist das Bewusstwerden der eigenen Schuld vor Gott.
Die Pfingstpredigt des Petrus gibt uns ein klassisches Beispiel für Erweckung. Nachdem Petrus den Menschen in Jerusalem verkündigt hatte, dass sie den Messias gekreuzigt hatten, lesen wir: „Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ (Apostelgeschichte 2,37). Das Wort Gottes durchbohrte ihre Herzen wie ein Schwert. Sie erkannten plötzlich die Schrecklichkeit ihrer Tat. Sie wurden sich ihrer Schuld bewusst. Ihr Gewissen wurde erweckt. Sie riefen nicht: „Was sollen wir glauben?“, sondern: „Was sollen wir tun?“ Dies ist die Sprache der Erweckung. Ein erweckter Mensch fühlt die Last seiner Sünde und sucht verzweifelt nach einem Ausweg.
Die Bibel beschreibt diese Erweckung des Gewissens immer wieder in eindrücklichen Bildern. Der Prophet Jesaja erfuhr eine solche Erweckung, als er im Tempel die Herrlichkeit Gottes schaute. „Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen“ (Jesaja 6,5). In der Gegenwart der Heiligkeit Gottes wurde Jesaja sich seiner eigenen Unreinheit bewusst. Sein Gewissen wurde erweckt. Er erkannte sich als Sünder. Dies ist nicht dasselbe wie Erleuchtung über theologische Wahrheiten, sondern eine tiefe, persönliche Erschütterung über den eigenen Zustand.
Nun ist es wichtig zu verstehen, dass Erleuchtung und Erweckung oft zusammenwirken, aber nicht immer gleichzeitig geschehen. Ein Mensch kann über lange Zeit erleuchtet sein über die Wahrheiten des Evangeliums, ohne dass sein Gewissen erweckt ist. Er kann die richtige Lehre kennen, die Bibel verstehen, theologisch gebildet sein, und doch in geistlicher Selbstzufriedenheit leben. Er hat Erleuchtung, aber keine Erweckung. Umgekehrt kann ein Mensch tief erweckt sein, sein Gewissen kann erschüttert sein über seine Sünde, und doch kann ihm die klare Erkenntnis fehlen, wie er Rettung finden kann. Er hat Erweckung, aber keine volle Erleuchtung über den Heilsweg. Beide sind nötig für eine echte, biblische Bekehrung.
Jesus selbst zeigt uns in seinem Gespräch mit Nikodemus, wie Erleuchtung und Erweckung zusammenspielen. Nikodemus war ein Lehrer Israels, theologisch gebildet, fromm, religiös engagiert. Er hatte ein gewisses Maß an Erleuchtung über die Dinge Gottes. Aber als Jesus zu ihm sagte: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Johannes 3,3), wurde Nikodemus mit einer Wahrheit konfrontiert, die sein bisheriges religiöses Verständnis erschütterte. Jesus erleuchtete ihn über die Notwendigkeit der Wiedergeburt und erweckte gleichzeitig sein Gewissen für die Tatsache, dass all seine Frömmigkeit nicht ausreichte. Nikodemus brauchte beides: weitere Erleuchtung über das Evangelium und eine Erweckung seines Gewissens zur Erkenntnis seiner eigenen Unzulänglichkeit.
Die Reformatoren, besonders Martin Luther, haben diese Unterscheidung sehr klar gesehen. Luther erkannte, dass ein Mensch die Lehre des Evangeliums intellektuell erfassen kann, ohne dass sie sein Herz erreicht. Er sprach von der Notwendigkeit, dass das Wort Gottes nicht nur den Kopf, sondern auch das Gewissen treffen muss. In seiner eigenen Erfahrung im Kloster hatte Luther viel Erleuchtung über die Heilige Schrift erlangt. Er studierte Tag und Nacht die Bibel. Aber erst als sein Gewissen erweckt wurde zur tiefen Erkenntnis seiner Sündhaftigkeit vor dem heiligen Gott, und erst als er dann die erleuchtende Offenbarung der Rechtfertigung allein durch Glauben empfing, fand er Frieden. Beides war nötig: die Erweckung seines Gewissens und die Erleuchtung seines Verstandes über die Gnade Gottes in Christus.
Paulus beschreibt in seinem zweiten Brief an die Korinther, wie beide Aspekte im Werk des Heiligen Geistes zusammenkommen: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi“ (2. Korinther 4,6).
Hier spricht Paulus von Erleuchtung, von der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in Christus. Aber diese Erleuchtung geschieht nicht in einem neutralen, unberührten Herzen. Sie geschieht in Herzen, die zuvor durch das Gesetz erweckt wurden zur Erkenntnis ihrer Sünde. Paulus selbst hatte diese Erfahrung gemacht. Auf dem Weg nach Damaskus wurde er durch eine göttliche Erscheinung zugleich erleuchtet über die Wahrheit, dass Jesus der Messias ist, und erweckt zur Erkenntnis, dass er als Verfolger der Gemeinde gegen Gott selbst gekämpft hatte. „Herr, wer bist du?“ und „Was soll ich tun?“ sind die beiden Fragen, die sowohl Erleuchtung als auch Erweckung ausdrücken (Apostelgeschichte 9,5-6).
Für die praktische Seelsorge ist diese Unterscheidung von größter Bedeutung. Wenn wir einem Menschen begegnen, der intellektuell das Evangelium versteht, aber keine geistliche Bewegung in seinem Herzen zeigt, dann braucht er nicht nur Erleuchtung, sondern Erweckung. Sein Gewissen muss aufgerüttelt werden durch die Predigt des Gesetzes, durch die Konfrontation mit der Heiligkeit Gottes und der Schwere der Sünde. Umgekehrt, wenn wir einem Menschen begegnen, der tief beunruhigt ist über seine Sünde, aber nicht weiß, wie er Frieden mit Gott finden kann, dann braucht er nicht nur Erweckung, sondern Erleuchtung. Sein Verstand muss erleuchtet werden über das vollendete Werk Christi am Kreuz und die freie Gnade Gottes im Evangelium.
David gibt uns in Psalm 51 ein wunderbares Beispiel dafür, wie ein Mensch sowohl um Erleuchtung als auch um Erweckung betet. Nachdem Nathan ihn wegen seiner Sünde mit Bathseba zur Rede gestellt hatte, betet David: „Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde; wasche mich, dass ich schneeweiß werde“ (Psalm 51,9). Dies ist die Sprache des erweckten Gewissens. Aber er betet auch: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist“ (Psalm 51,12). Und weiter: „Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus“ (Psalm 51,14). David bittet um mehr als nur Vergebung. Er bittet um innere Erneuerung, um einen neuen Geist, um Erleuchtung und Kraft von oben.
Die Gefahr in unserer Zeit besteht darin, dass viele Menschen mit Erleuchtung ohne Erweckung oder mit Erweckung ohne Erleuchtung leben. Die einen haben theologisches Wissen, können die rechte Lehre wiedergeben, sind vielleicht sogar Mitglieder einer Gemeinde, aber ihr Gewissen ist nie wirklich erweckt worden zur tiefen Erkenntnis ihrer Sündhaftigkeit. Sie sind erleuchtet, aber nicht erweckt. Die anderen leben in ständiger Unruhe, haben ein schlechtes Gewissen, fühlen sich schuldig, wissen aber nicht, wohin sie sich wenden sollen, weil ihnen die klare Erleuchtung über das Evangelium fehlt. Sie sind erweckt, aber nicht genügend erleuchtet. Beides zusammen ist nötig: der erleuchtete Verstand, der die Wahrheit Gottes erkennt, und das erweckte Gewissen, das die eigene Verlorenheit spürt und nach dem Erlöser verlangt.
Das Ziel aller Erleuchtung und aller Erweckung ist Jesus Christus selbst. Er ist das Licht der Welt, das unseren Verstand erleuchtet (Johannes 8,12). Er ist auch derjenige, der unser Gewissen erweckt durch sein heiliges Leben und seinen stellvertretenden Tod. Wenn Erleuchtung und Erweckung zusammenwirken unter der Leitung des Heiligen Geistes, dann führen sie den Menschen zu Christus, und in ihm findet er sowohl die Wahrheit, die er sucht, als auch den Frieden, den er braucht.
Möge Gott uns allen die Gnade schenken, sowohl erleuchtet als auch erweckt zu werden, damit wir nicht in geistlicher Blindheit oder in verzweifelter Unwissenheit umherirren, sondern zu Christus kommen, der allein retten kann für Zeit und Ewigkeit. Amen.